Leseprobe:
Kool & Ich
Kool saß auf seiner Bettseite und kratzte sich ausgiebig an allen erreichbaren Stellen
seines langen Körpers. Von Süden her schien die Sonne in unser Schlaf-zimmer und
durchflutete den Raum mit spätsommerlicher Wärme.
Nach der Kratzorgie gähnte Kool ausgiebig, streckte sich und strubbelte seine Haare.
Ich lag auf meinem Teil des Bettes, also gut vier Meter von Kool entfernt, inmitten
meiner Kissenburg.
Allem Anschein nach würde er wieder ohne Seifen- und Wasserkontakt in der Küche
unseres chinesischen Nobelrestaurants verschwinden. Sein Ungewaschenrekord, den
ich mit Hilfe von Freunden eines Sondereinsatzkommandos unter der Dusche beendete,
lag bei dreißig Tagen. Merkwürdigerweise lehnten die Kumpels vom SEK die Essensgutscheine
für unseren Laden dankend, ein bisschen Nase rümpfend und mit scheelen Blicken auf
Kool ab.
Völlig ungerührt grinste Kool mich über die Schulter an.
„Voss“, fragte er dann, „was sinnierst du?“
„Ich finde es immer noch unglaublich, dass du bei deinem hygienischen Standard die
Weiber reihenweise abschleppst.“
„Neidisch?“ griente er noch breiter.
„Nee, bloß verwundert. Ich verstehe die Frauen einfach nicht.“
Kool wälzte sich endgültig aus seiner Furzmulde heraus und ging im Schlaf-zimmer
auf und ab. Obwohl unsere Penthouse-Wohnung groß genug war, nahm das Bett mit seinen
Ausmaßen von drei mal fünf Metern einen Großteil des Raumes ein.
„Ich begreife das auch nicht, Voss. Aber eines kannst du mir glauben: Ich genieße
es zutiefst!“
Kools Augen funkelten, und ein friedfertiges Lächeln legte sich auf sein unangenehm
entspanntes Gesicht. Diese Penthouse-Wohnung hatte uns ein befreundeter Architekt
aufgeschwatzt. Kool unterschrieb den Vertrag beim Notar in seinem eigenen und in
meinem Namen, nachdem er den Notar mit neunzigjährigem Whisky von Momme Kuckschief
gefügig gemacht hatte.
Jetzt saßen wir in dieser Wohnung fest, im zwölften Stockwerk, fast direkt an der
Kieler Förde, und guckten von oben in das klare Hafenwasser sowie in die Ausschnitte
der Damen. Und mussten uns mit diesen immobilen Umständen herumärgern. Der Architekt
hatte, vermutlich beeinflusst durch irgendwelche Narkotika oder Alkoholika, architektonischen
Murks gebaut, denn fast alle Zimmer waren doppelt vorhanden. Wie sich das auch für
zwei Junggesellen wie Kool und mich gehörte: Zwei Bäder, zwei Ankleidezimmer, zwei
Arbeitszimmer mit dem erwähnten Blick auf die Kieler Förde.
Nur hatte der Architekt, dieser Trottel, vergessen, dass zwei Männer eigentlich
auch zwei Schlafzimmer brauchten. Jedenfalls dann, wenn sie sexuell noch nicht im
Golfplatz-Alter angekommenen waren. Also mussten wir uns das Schlafzimmer teilen.
Deshalb stand darin jetzt dieses riesige Bett. Und da weder Kool noch ich nach Fahrplan
bumsten, trennten wir das Bett in zwei Hemisphären, mit einem zehn Zentimeter breiten,
roten Klebestreifen. In Kools Seite und meine. Schließlich gönnte auch keiner dem
anderen den seligen Alleinschlaf in den hervorragenden Matratzen.
Schleppte einer von uns ein Mädel ab, merkte es der andere daran, dass wir die Schuhe
vor der Schlafzimmertür stehen ließen.
Meistens ich.
Ich schlief dann in meinem Arbeitszimmer. Wenn ich mir überlege, wie oft ich mir
da einen von der Palme wedeln durfte – Kool war schon zu beneiden.
Logischerweise kam es bei meinem fast sittsamen Lebenswandel auch häufiger dazu,
dass ich schon im Bett lag, während Kool mit einer weiteren lüsternen Dame – und
meist reichlich angesoffen – in der Wohnung aufschlug.
Bevor die beiden dann im Schlafzimmer erschienen, baute ich mir schnell eine Bettenburg,
hinter der ich mich versteckte, zog mir meine Schlafmaske vor die Augen, Ohrenschützer-Mickymäuse
über die Lauscher und machte einen unbeteiligten Gesichtsausdruck. Für den Fall,
das ich in meiner Ecke entdeckt wurde. Natürlich immer in der Hoffnung, nicht entdeckt
zu werden.
Scheiß immobile Umstände!
Andererseits führte es dazu, das ich mich häufiger auswärts als zu Hause aufhielt
– und viele hübsch eingerichtete Wohnungen von ebenso hübschen Mädels kennen lernte.
Welchen Tag haben wir heute?“ fragte Kool, während er mit seinen Einmeter-neunzig
immer noch auf und ab ging.
„Ich glaube, Donnerstag.“
„Dann gibt es wahlweise ‚Cat-au ming’ oder ‚flisches Lattenfleisch nach Art des
Hauses’ im Angebot.
Als Mittagstisch mit Suppe und Dessert neunundsechzig Euronen neunzig.“
„Ein echter Kampfpreis.“
Egal, was unsere weniger erfolgreiche Konkurrenz und die von ihnen bestochene Gewerbeaufsicht
verleumderisch behaupteten: Wir verfütterten keine Katzen und Ratten – bei dem Gästeandrang
in unserem Restaurant waren die nötigen Mengen an Fleisch schlichtweg so nicht zu
bekommen.
Schleswig-Holstein wäre ja durch uns innerhalb eines Monats frei gewesen von Katzen
und Ungeziefer. Die abenteuerlichen Namen für unsere Gerichte waren sauberes Marketing.
Mit Erfolg: Ein kulinarischer Reiseführer nach dem anderen lobte uns in höchsten
Tönen. Mir ging es anders:
„Kool, ich habe die chinesische Küche satt! Bis hier!“
sagte ich mit abgrundtiefer Geschmacksverzweiflung und machte eine aggressive Geste,
mit der rechten Hand zu meiner Kehle hin.
„Man kann alles essen“, erwiderte Kool stoisch, „was seinen Rücken an die Sonne
hält und vier Beine hat, außer, es ist ein Tisch! Alte chinesische Weisheit.“
„Das werde ich das nächste Mal anmerken, wenn du wieder mit einer Dame in deiner
Bettseite turnst und sie oben liegt.“
„Wehe dir!“
„Wo wir gerade dabei sind: Ich habe keine Lust mehr, deinen Freundinnen dauernd
zu erklären, das der rote Streifen im Bett unsere Grenze ist, und dass ich eigentlich
auch keine große Meinung habe, an euren Spielchen teilzunehmen.“
„Wenn du Torfkopp nicht schon wieder das Licht auf deiner Seite anmachst, sodass
die Dame schreiend das Weite sucht! Oder vom Balkon springen will – wie neulich!
Das wäre beinahe in die Hose gegangen.“
„Wenn ihr euch auch nachts um Vier still und leise in die Bude schleicht? Und so
leise anfangt zu poppen, das ich nichts davon mitbekomme? Und dann aber zum krönenden
Abschluss das Mädel bei ihrem multiplen Orgasmus plötzlich die reinste Gesangsorgie
von sich gibt? Da darf man doch wohl etwas erschrocken sein!“
Kool zuckte mit den Schultern.
„Du bist zu weich. Manchmal muss man einfach die Fresse halten, sich zurücklehnen
und genießen.“
Missmutig musste ich zustimmen. Aber erschrocken hatte ich mich schon, bei dem Primadonnengeheul
neben mir ...
Eine Zeit lang hatten wir versucht, ehrlich zu sein. Und den Damen vorher gesagt,
das da im Schlafzimmer noch jemand war. Was uns aber den Sex gründlich verdarb,
weil sie meist keine Lust auf Zuschauer hatten. Also hielten wir wohlweislich das
Maul, murmelten etwas von defektem Licht und bugsierten die Damen unter Anwendung
der beim Sex üblichen Zärtlichkeiten und Knutschereien auf unsere jeweilige Bettseite.
Was dann damals beinahe zum Fenstersprung führte.
„Mal abgesehen von diesem ganzen Kram“, fragte Kool, „was liegt heute sonst noch
an?“
„Wir müssen eine Entscheidung bezüglich deines neuen chinesischen Helfers finden.
Onkel Wu steht immer noch in der Zeitung. Die Rotchinesen behaupten, er wäre bei
uns im Lokal von Agenten der taiwanesischen Gegenspionage entführt worden. Die Taiwanesen
behaupten wiederum, von nichts zu wissen. Und ICH will endlich von dir wissen, was
ein rot-chinesischer Professor für Atomphysik bei uns in der Küche soll – außer
Zwiebeln schneiden?“
„Da hast du es schon gesagt! Zwiebeln schneiden. Soll sich der Kerl doch schon mal
daran gewöhnen. Wenn eine seiner Atombomben irgendwo auf der Welt platzt, denn weiß
er, wie es geht.“
„Zwiebeln schneiden ...?“
„Nö, weinen natürlich!“
Diesem Argument hatte ich nichts entgegenzusetzen. Kool schlurfte in die Küche und
stellte die Kaffeemaschine an. Die Dusche vergaß er. Zähne zu putzen auch. Der ganz
Kerl, und besonders sein Atem, stank zum Himmel. Heute würde ich wieder zu einem
alt bewährten Hausmittel greifen: eine halbe Flasche Odol in seinem Kaffeebecher.
Mir war absolut schleierhaft, was die Mädels an diesem Kerl fanden. Aber vermutlich
würde Kool irgendwann mal eine ältere, abgeklärte Frau abschleppen, so um die Vierzig
vielleicht. Die würde mir dann eine Erklärung zu diesem zwar sehr charmanten, nichtsdestotrotz
aber ziemlich müffelnden Kerl abliefern. Und zu den seltsamen Gelüsten der Damen
diesen Geruch betreffend. Oder konnte es sein, dass die Komposition aus ausgeschwitzten
Testosteronen eine olfaktorische Aura um diesen Kerl bildete, der keine Frau widerstehen
konnte?
Vielleicht war Kool aber auch mit seiner Nase in der Lage, aus einer Herde von Damen
diejenige herauszuschnüffeln, die gerade ihre fruchtbaren Tage hatte und – laut
einer Studie der Universität Eddelak – deshalb besonders lüstern drauf war? Ich
fand das recht absonderlich.
Ein bisschen neidisch war ich natürlich auch. Kool hingegen genoss es. Mit einem
Blick auf die Uhr startete ich mein Morgenprogramm, verbot mir jeden weiteren Gedanken
an Kool und flitzte in mein Bad. Zähne putzen, Klo, Dusche, rasieren, eine liebevolle
Lippenstiftnachricht von meinem Badspiegel wischen, die Perücke mit dem schwarzen
Zopf auf den Kopf und ab in die Küche. Kool war noch im Schlafzimmer. Schnell goss
ich die halbe Flasche Odol in seinen Becher. Meinen füllte ich auch, zum Abkühlen.
Dann in mein Ankleidezimmer, rein in die Klamotten und zum Showdown in die Küche.
Kool hielt mir wortlos meinen Kaffeebecher hin. „Danke.“
Kools Tasse war noch unberührt, wir grinsten uns gegenseitig an und prosteten uns
zu. über den Becherrand beobachtete ich Kools Reaktion. Die ausblieb. Er blickte
mich nur mit verklärtem Blick an und wartete, dass ich trank. Hatte der Kerl seine
Tasse etwa ausgekippt und neu gefüllt? Oder die Tassen getauscht? Ich trank.
„Igitt! Das ist ja Rasierwasser!“
Kool wieherte los und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Dieser Gesichtsausdruck ist unbezahlbar! Seit du mir neulich das Mundwasser in
den Kaffee gekippt hast, will ich mich rächen. Wir sind quitt!“
Er stellte seinen Kaffeebecher in die Spüle. „Ich hol’ schon mal den Fahrstuhl hoch.“
Ich nickte, immer noch beleidigt. Als Kool um die Ecke verschwand, warf ich einen
Blick in seinen Becher, sah, dass der noch halb voll war und probierte einen Schluck.
„Uaargh!“ Das Mundwasser schmeckte grauenhaft. Aber Kool hatte sich nichts anmerken
lassen, dieser Hund. Im Fahrstuhl dudelte „Girl from Ipanema“, diese wunderschöne
Musik von Jao Gilberto, die völlig unberechtigterweise sogar als Klo- und Kackmusik
missbraucht wird. Kool summte mit, und ich konnte seinen frischen Atem riechen.
„Dit, dah dah da dit, dah dah da dit ...“
In der Tiefgarage standen Porsche, Mercedes, Touareg & Co. der anderen Mit-bewohner
in den niederen Stockwerken herum. Sogar der Ministerpräsident unseres schönen Bundeslandes
wohnte hier in der Woche, daher auch unsere Bekanntschaft mit den Jungs vom SEK.
Da wir schon die beste Wohnung im Haus hatten, mit Privatfahrstuhl, war unser Parkplatz
natürlich der am weitesten entfernte, als ausgleichende Gerechtigkeit sozusagen.
Dort stand der Diplo und winselte leise vor sich hin, so kam es mir jedenfalls immer
vor. Irgendwie konnte ich unser gefahrenerprobtes Vehikel verstehen, das mit seinen
locker dreißig Jahren auf dem Buckel von den anderen Autos höchstens mit verächtlichen
Seitenblicken aus ihren Halogenscheinwerfern bedacht wurde. Jubelnd sprang der Motor
an, spuckte Rauch und öl aus dem Auspuff, und wir karriolten zu unserem Restaurant.
Onkel Wu hielt unsere Mitarbeiter schön in Schwung. Wenn man es nicht besser wusste,
hätte niemand vermutet, das der Kerl gleich von fünf Geheimdiensten gesucht wurde.
Den Rotchinesen, weil Wu etwas erfunden hatte, das sie behalten wollten.
Den Taiwanesen, weil sie Schiss hatten, dass die Erfindung gegen sie gerichtet war.
Dem russischen FSB, ehemals KGB, weil die alles brauchen konnten. Den Amerikanern,
weil die ersten drei danach suchten.
Und dem Mossad, weil die Wu für einen Araber hielten.
Dass der BND kein Interesse zeigte, lag daran, dass der deutsche Erfolgsnachrichtendienst
diese Ereignisse noch nicht einmal registriert hatte. Die räumten in ihren Amtsstuben
noch an den Erkenntnissen und Trümmern der Achtundsechziger Studentenunruhen herum.
Wu hatte sich mit einer strohblonden Perücke getarnt und ging als kurz gewachsener
Dithmarscher problemlos durch. Eine peinliche Befragung durch einen amerikanischen
CIA-Agenten hatte dies zweifelsfrei bestätigt: Wu hatte ohne mit der Wimper zu zucken
neunzehn hart gemischte Eiergrogs getrunken, was in Geheimdienstkreisen als untrügliche
Wahrheitsdroge gilt. Er konnte danach immer noch ohne Ausfälle seine Dithmarscher
Ahnen bis zurück zur Varusschlacht aufzählen. Dass der Bursche dabei log, war klar,
aber der Amerikaner blieb bei dieser Befragung mit einer schweren Grogvergiftung
auf der Strecke.
So blieb uns Wu auf Dauer als Küchenchef erhalten. Ich widmete mich meinen Aufgaben
zwischen Küche und Service, und die Zeit verging wie im Fluge. Der Laden war nach
kurzer Zeit proppevoll, die Kasse klin-gelte, die Getränke und Menüs flogen tief.
Der Abend neigte sich gen Mitternacht, als Momme Kuckschief plötzlich in unserem
Restaurant auftauchte. Wie immer hatte er den Transport des von ihm hergestellten
neunzigjährigen Whisky selbst in die Hand genommen und während der Fahrt auch reichlich
von dem Zeug verklappt.
Die letzten Gäste waren in ähnlichem Zustand, und so konnte ich Momme ohne Aufsehen
in die Küche bugsieren. Mit zwei sorgfältig gemischten Eiergrogs bekam ich ihn wieder
so hin, dass eine halbwegs vernünftige Unterhaltung möglich war.
„Was macht die alte Heimat, Momme? Ist die Nordsee noch da?“
„Jo. Und die Polizei sucht euch immer noch. Als sie diesmal kamen, um mich auszuhorchen,
hab ich was von Pinguinen gemurmelt.“
Ich musste lachen, bekam etwas vom Whisky, bei dem ich zwischenzeitlich eine Qualitätskontrolle
machte, in den falschen Hals und hustete.
„Jetzt fahren sie in die Antarktis, um uns zu schnappen!“
„Jo. Ihr müsst mir diese Postkarten noch mal mit Urlaubsgrüßen beschriften und an
mich adressieren.“
Momme legte einen Stapel Postkarten aus aller Welt auf den Tisch.
„Die schick’ ich dann wieder im Umschlag an irgendwelche Bekannten in der weiten
Welt. Die Kumpels schicken mir die Postkarten zurück – mit echtem Stempel, für meine
Briefmarkensammlung. Höhö!“
Seit Jahren schafften Kool und ich es mit diesen Tricks, die Behörden von unserer
Spur abzulenken. Manchmal hatte ich auch das Gefühl, dass die Einsatzbeamten diese
Gelegenheit mit Hurra nutzten, um einmal ins Ausland zu kommen, auf Staatskosten.
Bei der angeborenen Schlauheit Mommes, nun, vermutlich nahm er von einigen Beamten
sogar Reisewünsche in die entlegensten Gegenden an. Im Gegenzug für gelöschte Punkte
in Flensburg. Oder zehnmal frei parken im absoluten Halteverbot.
„Ich soll dich von deiner Oma Voss grüßen.“
„Das alte Huhn lebt noch? Na, das ist schön. Erzählt sie immer noch so viele Lügengeschichten?“
„Na, der Rheumatismus macht ihr zu schaffen. Und du sollst ihr Holzbein bekommen.“
Ich erschrak bis ins Innerste. Meine Oma war immer meine liebste Ahnin gewesen.
Ihre Geschichten handelten von Piraten, Seeungeheuern und dem Tierfang für Hagenbecks
Tierpark in Hamburg. Immer prahlte sie mit ihrem Holzbein, das man ihr nach einer
Enterung der spanischen Schatzgaleone verpassen musste. Das Holzbein, das ihr später
so gute Dienste leistete, weil in dem Ding eine Schrotflinte mit trompetenförmigem
Laufende verborgen war. Wenn sie dann uns Bengels mal wieder eine Lügengeschichte
erzählte, war das Schönste, wenn sie unter den Rock griff, mit einem Ruck das Holzbein
rauszog und damit auf uns zielte.
„Ha, damit hatten die Kerle nicht gerechnet! Bumm, bumm – und schon hatten wir den
Engländer erobert!“
Ob Engländer, Norweger, Franzose, Schweizer, Mongole, Oma war da nicht kleinlich.
Ein wenig hatte dieses Talent natürlich auf mich abgefärbt. Jedenfalls füllten mich
meine Gäste im Restaurant manchmal absichtlich mit Arrak und Whisky ab, um Geschichten
zu hören. Am liebsten die von Oma Voss.
„Erzähl noch mal, wie Oma Voss sich völlig pleite in Havanna in der Spelunke mit
dem Fuß am Boden festgenagelt hat, um die Zeche einzuwetten!“
Die Geschichte war einfach: Die zart besaiteten Seeräuber kotzten los, als Oma den
Nagel durch den Fuß hämmerte. Die hart gesottenen, als Oma Voss nach einer Zange
schrie und den Nagel damit aus der Prothese herauszog.
„Da hat mich dieses Holzbein wieder einmal gerettet. Stellt euch vor, ich junges
Ding, zwischen den ganzen Verbrechern. Da trauten sich die Kerle nichts mehr!“
So log uns meine Oma unsere ganze Jugend Geschichten ins Ohr. Tatsächlich war sie
nie aus Dithmarschen herausgekommen. Aber die Geschichten waren schön. Momme bemerkte
meinen abwesenden Blick und stieß mich an.
„He, noch ist sie nicht tot!“
„Wenn sie das Holzbein abgeben will?“
Ganz trübselig trank ich weiter an meinem Whisky. Kool und Wu saßen mit bei uns,
und ich konnte nicht aufhören, die alten Storys von ihr zu erzählen. Es plätscherte
wie Wasser aus mir heraus. Onkel Wu, der als Chinese natürlich keinen heimatkundlichen
Unterricht in Dithmarscher Landeskunde genossen hatte und dem die Heldentaten der
alten Bauerngeschlechter unvertraut waren, stellte alle möglichen Fragen: „Voss,
wieso wal Dithmalschen die elste Lepublik auf deutschem Boden? Wal das noch vol
Kall Malx?“
„Lange vor dem alten Kalle Marx. So zum Ende des Mittelalters, um Fünfzehn-hundert
rum, hatten es die Bauern satt, Steuern und Abgaben für das Land zu bezahlen, das
sie mit eigener Hand der Nordsee abgedeicht hatten. Schon zwei-hundert Jahre vorher
mussten die letzten Adligen Dithmarschen verlassen.“
„Das ließen die Adligen einfach so zu?“
„Nö, da gab’s heftig Prügel.“
„Die Schlacht bei Hemmingstedt!“ Momme und Kool sagten es gleichzeitig.
„Jo, die große Schlacht. Ein paar tausend Bauern gegen einen vier-, fünffach überlegenen
Feind! Die Bauern fanden es einfach besser, ihre Angelegenheiten unter sich zu regeln.
Natürlich war das keine lupenreine Demokratie, wie es sie heute gibt.“
„Wal es denn Demoklatie?“
„Na ja, Onkel Wu, es gab einen Rat der achtundvierzig Bauerngeschlechter – das waren
so etwas wie Familiensippen. Die trafen sich im Frühling und im Herbst und regelten
bei einer Art ‚Thing’ ihre Streitigkeiten. Solche Sachen wie Strandraub, Brandstiftung,
Seeräuberei. Unsere Vorfahren waren schon recht umtriebig und wenig zart besaitet.“
Wu fasste Momme, Kool und mich mit einem merkwürdigen Blick scharf ins Auge. „Ich
glaube nicht, dass sich das sehl geändelt hat!“
Die Antwort war ein fröhliches, dreistimmiges: „NEIN!“
Kool sorgte für reichlich Nachschub aus Mommes Kanistern mit dem neunzigjährigen,
garantiert nicht mehr als vierzehn Tage alten Fusel. Ich geriet in immer mehr Fahrt,
soff gegen den Kater am nächsten Morgen an. Aber der würde trotzdem gewinnen.
Irgendwann schleppten sie meinen nach Fusel stinkenden Kadaver in die Tiefgarage
unter dem Restaurant, schmissen mich zur unauffälligen Beruhigung (meine Neigung
zu Unfug und voll tönendem Gesang nimmt bei Alkoholkonsum im Quadrat zu) und Ausdünstung
in den Kofferraum des Diplomaten und brachten mich später in die Wohnung.
Mit hellsichtiger Klarheit kann ich mich noch an jeden dieser Momente erinnern.
Alle möglichen Geschichten schwirrten in meinem Kopf herum und bildeten einen wüsten
Hexenkessel. Es vermengte sich Erlebtes und Erlogenes. Geschichten unserer stolzen
Landschaft mit ihren freiheitsliebenden Dithmarschern.
Eine Gegend mit merkwürdigen Gebräuchen. Und noch schlimmeren Eingeborenen. Strandraub
und Wegelagerei. Dann schlief ich ein. Und träumte los. Vor meinem Traumauge entstand
meine Heimat. Das flache Land mit dem weiten Blick ...